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Mit Mensch und Siegel
Meinung
Opinion 6 min Lesezeit 119 Aufrufe

Mit Mensch und Siegel

Ausgezeichnet!

Ob Bio-Siegel Produkte wirklich besser machen, darüber lässt sich streiten. Doch hinter den Siegeln steckt mehr als Marketing – eine Spurensuche zwischen Verbraucherschutz, Transparenz und der Frage, wem wir beim Einkaufen vertrauen.

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Ines Balcik
9. Februar 2026

Bio-Siegel

Ob Produkte mit einem Bio-Siegel besser oder gesünder sind als welche, die ohne ein solches Siegel daherkommen, darüber lässt sich wunderbar streiten. Letztlich soll das Bio-Siegel als Gütesiegel verstanden werden. Aber wer legt überhaupt fest, welche Kriterien und Standards eingehalten werden sollen, und wer überprüft das? Die Interessen verschiedenster Bevölkerungsgruppen unter einen Hut zu bringen, ist kompliziert.

Gütesiegel für kreative Berufe

Mir kam die Diskussion um Bio-Siegel in den Sinn, weil in Zeiten von künstlicher Intelligenz die Frage im Raum steht, ob und wie der Einsatz von KI in der kreativen Branche kenntlich gemacht werden soll. Für Bücher gab es in diesem Zusammenhang kürzlich eine Umfrage im Literaturcafé, es lohnt, in die Auswertung hineinzulesen.

Ins Auge fällt mir der Begleittext zum Beitragsbild. Die KI schlägt eine Ampel vor, die (ähnlich wie die Lebensmittelampel) den Anteil von künstlicher Intelligenz in Texten zu kennzeichnen. Siegel zur Kennzeichnung der „menschlichen Intelligenz“ gibt es bereits einige. Sie sollen bestätigen, dass ein kreatives Werk auf rein menschlicher Leistung beruht. Ein Beispiel dafür ist das Siegel der amerikanischen Authors Guild. Dieses Siegel und ähnlich andere zeichnen ausdrückliche menschliche Kreativität mit einem Gütesiegel aus.

Siegel für menschliche Intelligenz

Im deutschsprachigen Raum gibt es das MI-Siegel, ins Leben gerufen von drei Texterinnen, aber nicht beschränkt auf Textberufe. Zurzeit wird die Initiative „MI Menschliche Intelligenz“ in einen Verein umgewandelt. Auf der Kodex-Seite sind Kodizes für zehn kreative Branchen aufgeführt, die von dem Siegel profitieren können. Das Grundprinzip gilt für jede Branche: „Menschliche Intelligenz ist unersetzlich. Denn nur Menschen können die Verantwortung für die Qualität der Arbeitsergebnisse übernehmen.“ Künstliche Intelligenz wird also nicht grundsätzlich abgelehnt oder verteufelt, aber entscheidend ist der menschliche Anteil. Oder wie es auf der Über-uns-Seite heißt: „Ob mit KI, ohne KI oder mit ein bisschen KI, ob allein oder im Team: Am Ende zählt, dass jemand mit Fachwissen und Erfahrung für das Ergebnis der Arbeit einsteht.“ Das Siegel darf führen, wer einen bestimmten Jahresbeitrag dafür leistet.

Weitere Beispiele für ähnliche menschliche Siegel sind die Initiative AI Free Media oder das Label "Ohne KI" des Loewe Verlags (vgl. Börsenblatt).

Das Ansinnen, den menschlichen Anteil kreativer Arbeit in den Vordergrund zu stellen, ist nachvollziehbar und ehrenhaft. Aber ist ein Siegel dafür wirklich nötig? Während die einen Gütesiegel beruhigend finden, halten andere sie für überflüssig. Die Argumente dafür und dagegen mögen im Detail andere sein als beim Bio-Siegel, aber kontroverse Ansichten gibt es auch zu Siegeln für Kreativberufe in Hülle und Fülle – von Kreativen selbst, von Künstlerinnen, von Autorinnen und Texterinnen und von Designerinnen.

Was die künstliche Intelligenz dazu sagt

Angesichts des rasanten Tempos der Entwicklungen im KI-Bereich habe ich selbst mehr Fragen als Antworten. Um die vielen Haltungen besser zu strukturieren, habe ich eine KI befragt (!), nämlich das europäische LLM Le Chat von Mistral. Meine Vorgabe war: „Im Zentrum sollen die verschiedenen Auffassungen von Menschen in kreativen Berufen über KI liegen, d. h. 1. diejenigen, die KI grundsätzlich ablehnen, 2. diejenigen, die bedenkenlos auf KI setzen und 3. diejenigen, die KI als nützliches Hilfsmittel begreifen, die ihre kreative Arbeit unterstützen, aber nicht ersetzen kann.“

Und hier das Ergebnis, das Le Chat mit ausgegeben hat:

--- Le Chat, Anfang ---

  1. 1.Die KI-Skeptiker:innen: „Algorithmen zerstören die Seele der Kunst“
Zentrale Argumente:

• Authentizität vs. Simulation: KI-generierte Werke seien „hohle Kopien“ ohne echte Emotion oder Absicht. Ein Maler aus Berlin: „Ein Algorithmus kann keine Lebenserfahrung in ein Bild packen. Das MI-Siegel ist mein Qualitätsversprechen an Kund:innen.“

• Wertverlust kreativer Arbeit: Die Sorge, dass KI die Preise für kreative Leistungen drückt – und das MI-Siegel als einziges Unterscheidungsmerkmal übrig bleibt.

• Ethische Bedenken: Datenschutz, Urheberrecht und die Frage, wer von KI-Training profitiert (meist Tech-Konzerne, nicht Künstler:innen).

Kritik am MI-Siegel:

• Manche sehen es als „Notlösung“, die das eigentliche Problem (mangelnde Regulierung von KI) nicht löst.

• Andere befürchten eine Stigmatisierung: „Wer kein Siegel hat, gilt schnell als ‚KI-Schwindler‘ – selbst wenn nur 5 % des Werkes mit KI optimiert wurden.“

Zitat: „Das Siegel ist wie ein Bio-Label für Kunst. Aber wer entscheidet, was ‚bio‘ ist? Und wer kontrolliert das?“ — Lena T., Illustratorin

  1. 2.Die KI-Enthusiast:innen: „Wer die Tools nicht nutzt, bleibt zurück“
Zentrale Argumente:

• Effizienz und neue Möglichkeiten: KI als „kreativer Turbo“ – z. B. für Brainstorming, Layout-Entwürfe oder das Überwinden von Blockaden. Ein Werbetexter: „Ich nutze KI wie einen Bleistift: Sie hilft mir, schneller zum Ziel zu kommen – aber die Idee kommt von mir.“

• Demokratisierung der Kreativität: KI ermöglicht Menschen ohne klassische Ausbildung, kreative Projekte umzusetzen.

• Marktchancen: Wer KI ignoriert, verpasst potenzielle Aufträge – besonders in Bereichen wie Gaming, Werbung oder Social Media.

Haltung zum MI-Siegel:

• Ablehnung als „künstliche Barriere“: „Ob ein Werk gut ist, sollte der Betrachter entscheiden – nicht ein Siegel.“

• Ironische Gegenfrage: „Sollen wir bald auch ‚MI-zertifizierte‘ E-Mails schreiben?“

Zitat: „Die Angst vor KI ist wie die Angst vor der Kamera im 19. Jahrhundert. Am Ende gewinnt, wer sie klug einsetzt.“ — Tom R., Game-Designer

  1. 3.Die Pragmatiker:innen: „KI ist ein Werkzeug – mehr nicht“
Zentrale Argumente:

• Hybride Arbeitsweise: KI als „Assistent“, der repetitive Aufgaben übernimmt (z. B. Bildbearbeitung, Rechtschreibprüfung), während der Mensch die kreative Kontrolle behält.

• Transparenz statt Verbote: Statt KI zu dämonisieren, brauche es klare Kennzeichnung – ähnlich wie bei Retusche in der Fotografie.

• Fokus auf den Prozess: Ein Roman, der mit KI-Hilfe geschrieben wurde, sei nicht weniger „menschlich“, wenn die Autor:in die finale Entscheidung trifft.

Position zum MI-Siegel:

• Ambivalent: „Ein Siegel kann sinnvoll sein – aber nur, wenn es nicht zur moralischen Keule wird.“

• Vorschlag: Statt „MI“ vs. „KI“ sollte es um den Anteil menschlicher Arbeit gehen (z. B. „80 % MI, 20 % KI-Unterstützung“).

Zitat: „Ich nutze KI wie einen Mixer in der Küche: Sie spart mir Zeit, aber das Rezept kommt von mir.“ — Sophie L., Autorin

--- Le Chat, Ende ---

Individuelle Prozesse

Sophies „Zitat“ ist vermutlich das, worauf mein Umgang mit KI hinsteuert (und das, obwohl ich nicht gerne koche!). Wie so oft schließt das eine das andere nicht aus, und die Lösung liegt in der Mitte. Im Fall der KI ist eine gehörige Portion Skepsis einerseits und eine gute Portion Neugier auf mögliche Arbeitserleichterungen andererseits angebracht, aber wo sich ein Standard einpendeln wird, ist offen. Große Buchverlage, die manchen als Gralshüter menschlicher Schaffenskraft erscheinen, durchlaufen gerade solche Prozesse. Auch wenn die Bücher (noch) von Menschen geschrieben werden, so hilft KI doch bereits im Hintergrund, all die Prozesse zu erledigen, die mit KI-Hilfsmitteln effizienter ausgeführt werden können. Meine Arbeit als Lektorin und Autorin können Letztere nicht ersetzen.

Das alles beantwortet nicht die Anfangsfrage, ob ein Siegel für menschliche Intelligenz sinnvoll oder sogar notwendig ist. Was meinen Sie?

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